SCHLAFEN

Etablissements, die sich Hotel schimpfen und Gästen keine Gasthäuser sind. Wenn Service keine Qual ist, wenn Lächeln nicht extra kostet und Genuss nicht verboten ist, macht es glücklich, Bettflüchtling in tausendundeiner Nacht sein zu dürfen. Denn schon eine kleine Tour kann beim richtigen Gastgeber und der richtigen Unterkunft zur vollkommen perfekten Traumreise werden für denjenigen, der sein Zuhause verlässt und als Entdecker vor allem eines sucht und am Ende auch findet: die Echtheit der Einzigartigkeit.

Sich ganz wie zu Hause fühlen: Das ist es, was wir uns ersehnen, selbst fern der Heimat beim Reisen durch fremde Betten. Die Ingredienzien jenes Geheimnisses zu entschlüsseln bemühen sich professionelle Hoteliers seit Menschengedenken; manchmal gelingt es ihnen und manchmal nicht. Doch scheint es so einfach zu sein, wie Mirza Afzal Beg beweist: Als Crew-Mitglied der Ganges-Expedition ist es für ihn eine Ehre, das ganze Team zu seinen Eltern einladen zu können, weil sein Heimatdorf nur wenige Kilometer vom gigantischen Strom entfernt liegt. Wie er einem hier nicht nur das hölzerne Himmelbett in seinem alten Kinderzimmer, sondern das ganze Haus zu Füssen legt, wie er sich zurückhaltend und doch leidenschaftlich um das Wohlergehen seiner Gäste kümmert, ist nur schwer zu überbieten. Wenn einem jemand so von Herzen Sorge trägt, schläft man selbst in einem fremden indischen Dorf den Schlaf

der Gerechten.

Wer arbeitet, dem ist der Schlaf süsse, wusste schon Prediger Salomo, und so ruht man indes auch bei einer sechs Wochen langen Tour entlang und auf dem Ganges vor allem dann am besten, wenn der Tag anstrengend war. Nicht einmal ein Zelt braucht es, um glücklich zu sein: Eine Isomatte reicht schon als Unterlage, und vier Paddel formen ein Gestell zum Aufhängen des Moskitonetzes, ein recht sicherer Schutz gegen die gefrässigen Tierchen der Nacht (Krokodile oder andere einem nach dem Leben trachtende Unwesen gibt es nicht). Zum Abschluss von vielen Stunden Bootsfahrt auf dem gigantischen Strom verabschiedet sich die Sonne als Feuerball am Horizont und Sand, fein wie Mehl, pudert die Füsse. Eine kühlende Brise kommt auf, das gegenüberliegende Ufer versinkt in Dunkelheit. Insekten summen ihr Gute-Nacht-Lied, einschläfernd nah und doch weit genug entfernt von der rosig schimmernden Europäerhaut. Ein Sommernachtstraum – doch das wirklich Besondere ist: Nach dem Aufwachen geht es traumhaft weiter.

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