REISE ZUM SINN

N.B. Ich vertrete sehr entschieden die These, dass wir uns in Fragen des Luxus vollkommen wegorientiert haben von dem handfesten, materialistischen Luxus, also von den klassischen Statussymbolen wie der teuren Uhr oder der Yacht. Wir haben es heute mit zwei Tendenzen zu tun, die für den Luxus bestimmend sind. Das eine ist eine Spiritualisierung des Konsums, und das andere ist eben das, was ich mit sozialem Reichtum fassen wollte, dass also die soziale Dimension als ein Schauplatz auch für die eigene Identitätsbildung entdeckt wird.

Viele Oppositionen, die früher selbstverständlich schienen, sind kollabiert. Nachhaltigkeit etwa ist ja ein unbestrittener Spitzenwert geworden, nachdem die Wirtschaft erkannt hat, dass die alte Konfrontation Ökonomie–Ökologie gar nicht stimmig ist, sondern dass es hier um ein wechselseitiges Steigerungsverhältnis geht. Und ich sehe Ähnliches auch für die zweite grosse Konfrontation voraus, nämlich die von Profit und Verantwortung. Und da wäre entsprechend zu Nachhaltigkeit der neue Spitzenwert soziale Gerechtigkeit. Dieser Begriff der sozialen Gerechtigkeit wird im Augenblick noch ein bisschen von Interpretationshaltungen aus dem 19. Jahrhundert dominiert, wenn man so will aus der Arbeiterbewegung, aus der sozialen Frage des 19. Jahrhunderts heraus, was mir aber nicht mehr zeitgemäss zu sein scheint. Wir sind längst so weit und erkennen, dass soziale Verantwortung dem Profit nicht

widerspricht, sondern vielmehr die Bedingung dafür ist, dass man im 21. Jahrhundert erfolgreich Geschäfte macht, dass also Non-Profit das Portal für den Profit des 21. Jahrhunderts ist, wie Peter Drucker es formuliert hat. Wer durch dieses Portal nicht hindurchgeht, wird auch keine erfolgreichen Geschäfte mehr machen können.

Das soziale Profil ist also keine Belastung des Profits mehr, sondern dessen Bedingung. Wie bei Ökologie und Ökonomie haben wir es auch hier im Grunde mit einer Versöhnung zu tun zwischen Profitorientierung und sozialer Verantwortung. Genauso wie man begreifen musste, dass man ökologisches Bewusstsein nicht auf Dauer stellen kann, wenn man die Wirtschaft gewissermassen in die Knie zwingt, sondern ihr im Gegenteil ein neues Betätigungsfeld gibt, genauso ist es glaube ich entscheidend zu sehen, dass soziale Gerechtigkeit nur eine Chance hat, wenn das nicht Verzicht auf Profit bedeutet, sondern ein neuer Schauplatz für Profit ist.

Welchen Einfluss kann dieses neue Denken auf das Leben des einzelnen Menschen haben?

N.B. Die Menschen, die das spüren, sehen auch, dass damit eine Veränderung der eigenen Lebensform verknüpft ist. So wie Umweltbewusstsein ja einen tiefen Eingriff dargestellt hat in die Gestaltung des persönlichen eigenen Lebens, so wird eben auch dieser Gedanke der sozialen

Gerechtigkeit ausserordentlich starke Auswirkungen auf die Lebensführung haben – selbst gewählt, nicht erzwungen durch irgendwelche Gesetze oder Ähnliches, sondern einfach deshalb, weil immer mehr Menschen die wunderbare Wohlstandserfahrung machen, dass man mit der Akkumulation von materiellem Reichtum scheitert im Projekt der Selbstverwirklichung. Das ist die grosse Lektion der letzten Jahrzehnte, dass die Akkumulation des
privaten Reichtums die Menschen keinen Schritt weitergebracht hat auf der Suche nach ihrer Identität. Ich bringe das unter einen Begriff von Abraham Maslow, der zu dem Schluss kam, dass die Menschen, denen es wirklich gut geht – und das ist ja die Welt des Luxus – mehr brauchen, was er auf den Begriff der Selbsttranszendierung gebracht hat, was, wie ich glaube, das grosse Thema des Konsums im 21. Jahrhundert sein wird. Dass man also etwas über sich selbst hinaus schafft, dass man teilhaben will an etwas, das über einen selbst hinausgeht, an einem Projekt, einer Mission, einer Vision oder was auch immer. Wenn man den traditionellen Luxus schon abgeschöpft hat, beginnt eigentlich erst die Reise in die Identität oder die Reise zum Sinn, wenn Sie so wollen. Daher auch lassen sich der Voluntourismus und diese Dinge erklären, man will einen Unterschied machen, einen kleinen Beitrag zur Veränderung der Welt zum Guten leisten. Das hat oft ganz naive Züge, aber für mich

Weitere Themen