REISE ZUM SINN

modischen Auftreten natürlich unendlich überlegen waren. Aber dass hier eine Art geistige Schönheit, oder wie Sie sagen würden, Erfahrungsschönheit dann im Grunde mächtiger wirkt und auch eine viel grössere Verführungskraft hat als diese vertraute körperliche handfeste Schönheit, das ist, glaube ich, ein sehr starkes Motiv. Diese innere Schönheit, diese Schönheit der Lebensform ist etwas alles Überbietendes gewesen und ich denke, wir sind in vielen Dingen dabei, durchaus wieder an die Lebenskunst im griechischen Sinn Anschluss zu finden. Und so ist es auch kein Zufall, dass seit einigen Jahren, auf trivialem Niveau, wieder sehr viele Ratgeber zur Lebenskunst erscheinen. Bedeutsam ist das Symptom, dass man nach einer geglückten Lebensführung sucht, und dass das wichtiger ist und – wenn Sie so wollen – dem Leben eigentlich erst die Schönheit gibt, die man eben nicht mehr über Schönheitsoperationen erreichen kann. Im Grunde könnte man das ganze Dilemma des traditionellen Schönheitsdenkens am Amerikanismus der Schönheitsoperationen und des Bodybuildings festmachen. Diese Versuche der Optimierung des menschlichen Körpers, die die letzten Jahrzehnte dominiert haben, sind an eine Grenze gestossen. Und so wie wir das eben im Zusammenhang mit dem ökologischen Bewusstsein gesehen haben, so sehe ich da eigentlich auch eine grosse Wende eben zu dieser inneren Schönheit voraus, zu der Schönheit der Lebensform. Und

dass man überhaupt wieder sein Leben führt, also nicht nur lebt, was dann tatsächlich Lebenskunst wäre. Und mit dem Begriff der Lebenskunst sind wir ja dann bei einem Begriff von Schönheit, der sich an äusserlichen, körperlichen Merkmalen praktisch nicht ablesen lässt. Ich interpretiere das jetzt sehr optimistisch, als seien wir da schon unterwegs. Und ich sehe auch viele Anzeichen dafür. Auf jeden Fall kann man das Scheitern der anderen Projekte, der materialistischen Projekte erkennen. Man kann feststellen, dass die Menschen auf der Sandbank ihrer Endlichkeit stranden und dann nicht weiter wissen – und der Ausweg, das Schiff wieder flott zu machen, kann nur ein spiritueller sein

Diese Spiritualität und innere Schönheit kann doch immer nur im Erleben des Echten gefunden werden. Bedeutet das nun, dass es für die Menschen auf Reisen immer wichtiger wird, selbst etwas zu entdecken, also selbst das zu finden, was ihnen die spirituellen Erfahrungen erlaubt, die zu innerer Schönheit führen? Dass es also immer weniger darum geht, nur standardisierten Wegen zu folgen und das Erleben mit etwas bereits vorab Gewusstem abzugleichen?

N.B. Selbstverständlich. Die Frage ist da nur, was «entdecken» eigentlich heisst.

Der Begriff unterstellt ja eine Weltzuwendung absoluter Riskanz. Wenn ein Entdecker auf Reisen gegangen ist, dann ist er in eine unbekannte

wir sind längst so weit und erkennen, dass soziale verantwortung dem profit nicht widerspricht, sondern vielmehr die bedingung dafür ist, dass man im 21. jahrhundert erfolgreich geschäfte macht.Welt vorgestossen mit grösstem Gefahrenpotenzial, mit vollkommen unvorhersehbarem Schicksal. Davon kann heute ja glücklicherweise keine Rede mehr sein, schon weil die Welt derart entdeckt ist, dass es diese weissen Flecken gar nicht mehr gibt. Es kann also nur eine Entdeckung für mich selber sein, aber natürlich eine, die schon präformiert, präfiguriert ist in ihrem Erfahrungsgehalt, und deshalb ist die Authentizität meiner Erfahrung, wenn ich etwas für mich entdecke, immer auch gleichzeitig inszeniert. Es gibt den schönen Begriff der «staged authenticity», also einer auf einer Bühne sorgfältig arrangierten

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