REISE ZUM SINN

Authentizität. Das ist natürlich paradox, aber es ist im Grunde eine uns sehr vertraute Erfahrung, dass wir das Gefühl des Echten, des Neuen, des Überraschenden, auch des Beglückenden machen, obwohl Vorkehrungen dafür getroffen worden sind, dass das auch eintritt. Es wäre wohl auch zu viel von den Menschen verlangt, wenn man ihnen nur eine theoretische Möglichkeit von Erlebnissen verkaufen würde und nicht gewissermassen eine Art präfabrizierte Gewissheit des Erlebens. Also insofern muss man beim Begriff des Entdeckens im Auge behalten, dass es immer eine Form von inszenierter Authentizität ist und auch sein muss, denn wäre sie nicht inszeniert, wäre sie zu riskant, und das unterscheidet eben den Touristen vom Entdecker. Wir werden zwar den Touristen immer mobiler, individueller, multidimensionaler erleben, das sehe ich genauso wie Sie, aber es muss immer die Differenz zwischen Kolumbus und einem anderen Südamerika-Reisende geben, und diese Differenz ist eine der Sicherheit, der Gewissheit, der Inszenierung letztlich – die aber auch Gefühle überhaupt erst möglich macht, die unter Bedingungen der Gefahr gar nicht erzeugt werden können, wie beispielsweise sehr starke Erregung. Es gibt bei den Soziologen den Begriff «containment of excitement», die Aufregung findet innerhalb einer Sicherheitshülle statt, man hat also einen Sicherheitsrahmen, innerhalb dem man sich dann umso unbeschwerter erregen

kann, und ich denke das gilt auch für jede mögliche Form von touristischen Reisen. Wenn dieser Sicherheitsrahmen nämlich nicht gegeben wäre, müsste ich viel zu ängstlich sein, um mich tatsächlich erregen und erfreuen zu können in einem glückverheissenden Sinn. Ich denke, der Tourismus hat auf der einen Seite die einmalige Chance, da eine glückliche Balance zu schaffen zwischen dem Reiz des Neuen, also

ich würde die touristische existenz dadurch definieren, dass wir uns hier in eine art schwebezustand bringen zwischen der sicherheit des vertrauten und der erfahrung des einmaligen, was nur durch inszenierung möglich ist.
dem Entdeckerglück, und auf der anderen Seite aber auch der Gewissheit, dass das Erlebnis in einem befriedigenden Sinn eintritt und nicht meine Existenz infrage stellt.

Sie würden also behaupten, dass die Menschen bei aller Sehnsucht nach dem

Echten wahre Authentizität gar nicht suchen?

N.B. Ein normaler Mensch ist kein Philosoph und zerbricht sich nicht den Kopf, wenn er das Wort Authentizität ausspricht. Ich denke, für die meisten Menschen ist es ganz selbstverständlich, dass das Gefühl des Echten nicht absolute Einmaligkeit oder Erstmaligkeit bedeutet. Wenn man also irgendwelchen Stammesritualen im afrikanischen Busch zuschaut, dann weiss man natürlich, dass man nicht der erste Besucher dieses Stammes ist, so wie man bei einer Fahrt durch die Serengeti auch weiss, dass schon Abertausende Jeeps die gleiche Strecke gefahren sind. Das zerstört aber eben nicht dieses Moment der Authentizität. Das macht gerade die touristische Existenz aus, also ich würde die touristische Existenz sogar dadurch definieren, dass wir uns hier in eine Art Schwebezustand bringen zwischen der Sicherheit des Vertrauten und der Erfahrung des Einmaligen, was nur durch Inszenierung möglich ist. Von Paul Theroux stammt die Definition der Urlaubsreise als «home plus», die also wie zu Hause ist, nur eben noch viel besser. Das betont diesen Sicherheitsaspekt, diesen Framing-Aspekt, und auf der anderen Seite betont Authentizität den Aspekt des Neuen, des Überraschenden, das Echtheitserleben. Aber Menschen sind in der Lage, dieses Urteil, dass etwas nur inszeniert ist, ausser Kraft zu setzen – dasselbe passiert jedes Mal, wenn ein Fan ins

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